Vom gesprochenen Wort

Angrenzend an den Artikel um die „Quantifizierung des Seins“ wende ich mich mit ein paar Gedanken um die zu kurz kommende Betrachtung von Emotionen in Konversationen – ok, vielleicht nicht nur in Konversationen. Letztens hatte ich die Gelegenheit, einem Psychologen bei einem Interview lauschen zu dürfen – im Einvernehmen aller Beteiligten, versteht sich von selbst. Nach einem halbstündigen Gespräch teilten wir ein paar Gedanken, und gingen dann in die nachträgliche Analyse über. Einige Sätze, die einem als Laie, noch dazu keinem Zuhörtalent, wenn überhaupt kurios vorkamen, wurden für mich anschließend überzeugend aus dem Kontext gehoben, und so die möglichen zugrundliegende Emotion verständlich gemacht.

Das hat mich etwas nachdenklich gemacht. Gegebenenfalls sind einem aus dem Deutschunterricht oder aus der Fachliteratur die vier Schnäbel und vier Ohren aus dem Modell von Friedemann Schulz von Thun geläufig. So besagt das Modell, dass jede deiner Äußerungen neben der Sachinformation auch Aussagen zulässt, was du von der Person gegenüber hältst; wer du persönlich bist oder was du bei der Gegenseite eigentlich erreichen willst. Eigentlich irgendwie klar, logisch und verständlich – und gleichzeitig aber in einem so reellen Beispiel schon sehr spannend. Übrigens drehte sich im oben genannten Gespräch viel um Berufliches, wo man denken mag, man verharre vermeintlich erfolgreich – sofern man das so nennen kann – auf der Sachebene.

Für mich hat mir das nochmal die Augen – oder Ohren – geöffnet, selbst bei mir nochmal zu betrachten, was ich so tagtäglich alles mehr preisgebe, als ich meine preiszugeben. Dabei geht es nicht um sich zu verhüllen oder mit dem Gesagten „strategische Ziele“ zu erreichen – oder die „geheime Agenda“ des Anderen zu entdecken – sondern in einer leistungsorientierten Gesellschaft zu verstehen, was einen eigentlich innerlich gerade bewegt. Zu verstehen, was in einer Welt, in der Emotionen nicht unbedingt frei ausgelebt werden können – vielleicht auch manchmal aus gutem Grund – noch so passiert, neben dem zu erledigenden Essay im Rahmen des Masterprogramms, dem anstehenden Urlaub und dem erfolgreichen Erwerb der neuen Schlafzimmerkommode. Darüber vollständige Transparenz zu haben ist – selbstverständlich auch bei sich selbst – unmöglich. Wie auch, wenn man in einer viel aber zugleich schlecht informierten, allein von den alltäglichen Geschehnissen unmöglich greifbaren Welt lebt.

Das gesprochene Wort hat das Schöne, dass das Bauchgefühl, die Stimmung, immer mitschwingt. Es ist reicher, wesentlich freier, unstrukturierter und meistens nicht sofort in das geschriebene Wort zu übersetzen. Jeder der schonmal ein Interview in flüssigen Text umgewandelt hat, weiß das. Das geschriebene Wort hingegen wurde schon zweimal abgeändert, ausgelassen und trotzdem vom Vorgesetzten für unpräzise befunden. Letzteres könnt ihr hier – mangels Vorgesetzten, nicht aber mangels Präzision – zumindest ausschließen.

Du kannst jedes deiner Gespräche beeinflussen. Du kannst Fragen stellen, die dich wirklich interessieren – vielleicht auch gerade die Frage, vor der du Angst hast, sie zu stellen – wahrscheinlich wirst du (positiv) von der Antwort überrascht werden. Du kannst auch (versuchen) besser zuzuhören – vielleicht dreht sich dein Gespräch doch nicht wirklich um die Sachebene. Vielleicht schlummern deutlich mehr Emotionen auf beiden Seiten, als man zu denken vermag, welche gegebenenfalls deutlich entscheidender für die Lösungsfindung sind, als der Sachverhalt an sich. Vielleicht schaffst du es ja, einen besseren Spürsinn für die drei anderen Dimensionen entwickeln, die sicher mindestens genauso interessant sein können. Du hast es in der Hand.

In Hoffnung auf mehr gute Gespräche,
gez. RdF

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